• Sander im Wohnzimmer von Oma Eifel

Warum wandern nichts für Weicheier ist?

Ein Erfahrungsbericht !

Das Leben ist einfach. Insbesondere wenn man einfach mal macht, anstatt zu denken, zu planen, abzuwägen, zu zweifeln und sich zu sorgen. Dieser kleine Wanderausflug über den Eifelsteig ist ein schönes Beispiel dafür. Ich gestehe! Das war nicht meine erste Wanderung. Deshalb hatte ich schon eine Vorstellung von meinem Gepäck. Sobald du dein Hab und Gut auf deinem Rücken trägst, überlegst du dir sehr gut, wieviel Luxus du brauchst. Deshalb hatte ich diesesmal auch kein Buch dabei. Eine weitere Neuerung zu meinen vorherigen Touren lag darin, dass ich nicht allein gewandert bin, sondern mit einem Gefährten. Sander, mein lieb gewonnener Kollege. Wir sind ähnliches Baujahr, mit ähnlicher Historie und gleich gesinnt, speziell was unsere Freude am Sport betrifft. Gute Voraussetzungen, um sich relaxt auf den Weg zu machen.

1. Etappe von Roetgen nach Monschau – 17,2 km / HM 332 ↑ 353 ↓ / 5 Std.

Der Auftakt zu unserer Wanderung war eine lustige Tour im Linienbus vom Aachen nach Roetgen. Ich saß mit geschlossenen Augen im Bus und war einfach nur müde und wollte ein bisschen runter kommen. Mich mental auf die bevorstehende Anstrengung einlassen und entspannen. Doch wir wurden von Schülern begleitet, die das Thema Ernährung grad im Schulprogramm am Start hatten. Diese Gespräche konnte ich nicht ausblenden. Sie waren entweder vegetarisch oder veganisch. Vegan mit veganisch zu bezeichnen hat mir alter Oberlehrerin ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. Darüber konnten meine Ohren noch hinwegsehen.

In den ganzen Kinderstimmen, die durch den Bus surrten, schnappte ich auf, dass mir ein veganischer Schüler gegenüber saß. Der arme Teufel wurde von seinen Mitschülern bemitleidet, dass er der jämmerlichen Situation ausgesetzt war, NICHTS essen zu können. Ich lebe nicht vegan, aber den Jungen, mangels Möglichkeiten sich vegan zu ernähren, verhungern zu lassen, konnte ich nicht verantworten. Ich schlug die Augen auf, holte tief Luft und warf unaufgefordert in die Unterhaltung ein, dass ich noch von keinem verhungerten Veganer in unserem Land gehört hätte. Außerdem habe ich auf einen weiteren Grundgedanken dieses Lifestyles verwiesen, denn dieser liegt im Tierschutz. Mal davon abgesehen, dass mir daraufhin die Illusion eines 12 Jährigen an den Kopf prallte, dass er aus Liebe zum Tier Tierarzt werden möchte, hatte ich sofort Erinnerungen an meinen Wellensittich Fips! Als ich Zwölf war, erkrankte mein Wellensittich und starb durch die Hand des Tierarztes (Genickbruch) für den Preis von 10 DM. Es war außerdem zu erwähnen, dass Veganer auch keine Lederkleidung tragen. Damit war der angehende Tierarzt und Tierfreund geliefert. Sein Sitznachbar guckte ihn mit großen Augen an und sagte: „Du hast einen Lederpullover. Du kannst kein Veganer sein!“ Ich bin innerlich kollabiert und ich habe mir schwer Mühe geben müssen, um nicht lauthals loszulachen. Dieses Bild, von einem pausbäckigen Jungen in einem schwarzen Lederpullover, begleitet mich seit dem und immer, wenn es während der Wanderung mal hart wurde, habe ich das Bild hervorgeholt.

 

Ritterrüstung

Sander und Herr Ritter

Etwas, was sich für diese Wanderung als sehr typisch herausstellte, war die Schwierigkeit, den Einstieg auf den Wanderweg zu finden. Und wenn er dann gefunden war, dann war es immer ein ordentlicher Anstieg! Wir haben unser Etappenziel quer über das hohe Venn erreicht. Und das fröhlich gestimmt. In Monschau angekommen, haben wir uns auf Burg Monschau einquartiert und uns eine Futterstelle gesucht, gut und gastlich gegessen und sind noch auf einen Absacker zum Monschauer Musikfest, gleich um die Ecke. Schon dort entwickelte sich die Idee evtl. einige Teile der Rüstung des Ritters anzuprobieren, der vor dem Speisesaal auf Burg Monschau wache stand. Damit wäre man evtl. für den nächsten Streckenabschnitt gerüstet. Hätten wir da schon gewusst, was uns auf der nächsten Etappe erwartet, hätten wir uns eher nach dem Pferd des Ritters umgesehen, aber nicht nach seiner Rüstung. Außerdem blieben bei der Planung, den Ritter um seine Rüstung zu bringen, die Klassen 4A-4D unberücksichtigt, die auch um 23 Uhr noch auf 100% durch die Burg tobte. Somit blieben wir nicht unbeobachtet, als wir dem Ritter ein paar Fotos abverlangten. Ein Junge, völlig entgeistert, dass Erwachsene, so alt wie seine Eltern, an der Ritterrüstung rumfingerten, was man ihm Stunden zuvor wahrscheinlich noch verboten hatte, brüllte uns an: „Ihr seid einfach nicht erwachsen!“ Wie Recht er doch hat! Die Nacht ging, der Morgen kam.

 

2. Etappe von Monschau nach Einruhr – 30km / HM 919↑952↓ / 8 Std.

Auch hier hatten wir Schwierigkeiten den Einstieg auf den Eifelsteig zu finden. Nicht das dieser nicht ausgeschildert war, aber da war noch das Proviant zu besorgen. Ein Kaffee for take away und Brot und Wurst und und und … Währenddessen haben wir ein paar Mal nach dem Weg gefragt. Wir haben mehrfach die Antwort erhalten „OH! Das ist eine schöne Strecke. Sie geht viel bergauf und viel bergab“. In mir keimt der erste Zweifel auf. Einfach ein mulmiges Gefühl in der Magengegend, als hätte man etwas Falsches gegessen. Aber vielleicht lag das auch nur am köstlichen Schnäpschen vom Monschauer Musikfest. Es dauerte 9 Stunden diese Etappe zu bewältigen. Gefühlte 20 Stunden. Es war uns nicht den ganzen Weg gelungen, dem Eifelsteig zu folgen. Irgendwie waren die Schilder nicht ganz deutlich oder wir einfach nicht ausreichend konzentriert. Letztendlich spielte es auch keine Rolle, denn die extra Kilometer sind wir gelaufen. Am Ende war ich sehr stolz auf uns, dass diese nicht zu Lasten unserer Laune ging. Ich erlangte eine weitere Erkenntnis: Es ist beim Wandern lebensnotwendig den Fokus auf den Weg zu legen, denn am Ende bezahlt man mit den Füßen, wenn der Kopf nicht ganz bei der Sache ist.

 

Baum

Der unheimliche Baum

Am Abend wurden wir von Oma Eifel begrüßt. Ich hatte eine Übernachtung mit Frühstück für 21€ in Einruhr gebucht. Oma Eifel, ein älteres aber rüstiges Semester, machte uns mit den Worten die Türe auf, dass noch nie jemand so spät nach dieser Wanderstrecke bei ihr eingecheckt hätte. Über unseren Köpfen tanzten die ersten Fragezeichen, denn es war erst 21 Uhr. Als sie uns erzählen wollte, dass wir im Dorf nichts mehr zu essen bekommen würde, war jede Chance auf Freundschaft mit einem Schlag ausgelöscht. Ich hatte eine große Portion Lebenssaft auf der Strecke gelassen und halluziniert von Schnitzel und Pommes! Rückblickend sehr merkwürdige Gelüste, denn sie passen weder zu meinen Vorlieben, noch sind sie mir am Ende der Wanderung bekommen.

Noch nie habe ich schneller in einer Dusche geduscht, in der ich über den Duschvorhang gucken konnte. Selbst die Einnahme einer Schmerztablette, mittlerweile tat mir jeder Schritt weh, habe ich, im Wahn nichts mehr zu essen zu bekommen, vergessen. Zusammen sind wir in Windeseile in die Stadt gehumpelt, um doch noch ein Schnitzel mit Pommes zu ergattern … und die Information, dass die anstehende Tagesetappe eine der anstrengendsten des Eifelsteigs ist. Selbst zu einem Bier mit Alkohol hat es nicht mehr gereicht. Aufessen, zurück humpeln und umgehend, nach Berührung mit dem Bett, in einen tiefen und traumlosen Schlaf fallen. Meine Herren, ich war ganz schön fertig!

3. Etappe von Einruhr nach Gemünd (Vogelsang) / 22,3 km HM 737 ↑696↓/ 6 Std

Oma Eifel wusste nun schon, dass wir nicht die Schnellsten waren und war deshalb nicht verwundert, aber auch nicht begeistert, dass wir als letzte in ihrem Wohnzimmer zum Frühstück auftauchten. Sander, eine überzeugter Heavy Metal Fan, zwischen den Porzellanpuppen und der Kaffekannensammlung von Oma Eifel zu sehen, hat mich in Zwei gespalten und ich fühlte mich leicht schizophren. Als dann die Angst in mir aufstieg, die Porzellanpuppen könnten gleich erwachen und mir mein Frühstück wegschnappen, war es Zeit, das liegen gebliebene Brötchen vom Nachbarstisch noch zu essen und sich mit dem Gedanken anzufreunden, lieber im Wald auf der Strecke zu bleiben, anstatt mit Oma Eifels Puppen in den Ring zu steigen.

 

Sander im Wohnzimmer von Oma Eifel

Sander im Wohnzimmer von Oma Eifel

Am Vorabend hatten wir uns schon ausgemalt, wie es wäre, wenn wir, anstatt am Rursee vorbeizulaufen, lieber die Strecke mit dem Boot zurücklegen würden und an der Staumauer, im angekündigten Kaffee, ein Riesenstück Kuchen zu essen, um im Anschluss 524 Höhenmeter auf 2 km zu bewältigen. Wir, ganz schlau, haben zunächst einmal auf den schwierigen Wandereinstieg verzichtet und sind gleich direkt zum See getapert. In der Hoffnung, das Boot nehmen zu können, wo wir dann den Anleger nicht gefunden haben. Naja, dann halt weiter bis zur im Wanderführer ausgewiesenen großen Verlockung zur Einkehr, die dann irgendwie auch nicht auf unserem Weg lag. Eins war aber wie angekündigt vorhanden. Die zu bewältigenden Höhenmeter lagen vor uns. Dranbleiben lautete die Devise! Nachdem es luftige Weizenbrötchen und ein Tässchen Filterkaffee bei Oma Eifel zum Frühstück gab, war ich eigentlich nach der Wanderung am Rande des Rursees schon wieder hungrig. Kein fettes Stück Kuchen und eine ordentliche Kraftanstrengung, den Anstieg zu überwinden, um auf die Höhe von Vogelsang zu gelangen, ließen mich einen folgenschweren Fehler begehen. Ich hatte eine Notration Walnüsse gebunkert. Die ich mir hastig in den Hals warf. Leider sind Walnüsse ölhaltig und ballaststoffreich und es geschah das, was nach all dem Zeug, was ich sonst nicht auf meinem Speiseplan stehen habe, geschehen musste !

 

Käck Attäck ! Mitten in der Pampa. FUCK ! Ich wusste sofort was mir blühen wird, als ich merkte, dass sich meine verbliebene Energie auf meinen Darm konzentrierte. Im nächsten Schritt zieht der Darm das verfügbare Wasser heran und die Körpertemperatur steigt. Dann setzten „Krämpfe“ ein, was wohl auf eine hektische Peristaltik des Darms zurückzuführen ist. Ich schwitzte unmenschlich, der Weg wurde zum Tunnel und als der Druck stieg, schaltete mein Hirn auf Autopilot. Der Auftrag lautete „ Lauf, so schnell du kannst! In Vogelsang gibt es eine Toilette! Es waren noch ein paar Kilometer. Diese haben wir im Laufschritt abgerissen und als wir im Besucherzentrum von Vogelsang der alten NS Ordensburg ankamen, dachte ich nur:„Dieser Ort hat eine so miese Vergangenheit … Scheiß drauf“. Während ich ungefähren 100 asiatischen Touristen in die Toilettenkulter Europas einführte, machte Sander es sich in der Kantine gemütlich. Nach diesem Super-GAU war ich bereit! Bereit, die letzten Kilometer mit dem Bus zurückzulegen. Die Vorstellung, noch einmal ausgiebig auf die Beine zu müssen, war nicht verlockend. Eine Ibuprofen wollte ich meiner Leber nicht mehr zumuten und auch mein Kopf war für keine weitere Anstrengung mehr zu haben. So kam es, dass wir eine 10-minutige Busfahrt in das liebliche Gemünd unternahmen. Genug Zeit sich zu erholen und im nächsten Eiscafé ein alkoholfreies Weizen zu süppeln. Die Sonne schien und die Welt war wieder in Ordnung.

Mein Resümee nach dieser Tour lautet „Wandern ist wirklich nichts für Weicheier!“ Höhenmeter sind in der Tourenplanung IMMER zu berücksichtigen und Wanderwege können gekennzeichnet sein, müssen es aber nicht. Manchmal nützt alle Kraft und Kondition nichts, wenn du die Bewegungsabläufe nicht gewohnt bist. Trage deine Wanderschuhe wenigsten ein paar Tage zuvor, damit du während der Wanderung nicht bemerkst, dass es Eingewöhnung benötigt, selbst wenn sie eingelaufen sind. Dennoch möchte ich diese Erfahrung auf keinen Fall missen. Ich habe drei Tage geschwitzt und geackert wie eine Wilde und mich dennoch ständig dabei amüsiert, weil ich in so guter Begleitung war. Ich habe lange nicht mehr so viel gelacht und besonders nicht so viel über mich selbst !

Mein Respekt geht an alle Wandersleuten da draußen!

Herzliche Grüße

Signatur

 

 

PS.: Weil Du es dir Wert bist!

 

By | 2016-11-10T16:35:14+00:00 23.07.2015|Tags: , , , , |0 Kommentare

About the Author:

Ich bin Sonja Fuchs alias Fuchsmunter. Ich habe bis Anfang 2014 in der freien Wirtschaft gearbeitet und kurz vor dem Burnout die Notbremse gezogen. Ich habe meinen Job gekündigt, arbeite jetzt halbtags in einem Fitnessstudio, habe eine Ausbildung zur Fitness- und Ernährungstrainerin gemacht und beschäftige mich intensiv mit einfachem und gesunden Lifestyle.

Wenn ich keinen Sport treibe, ein neues Rezept ausprobiere oder einen neuen Kniff teste, der das Leben leichter macht, dann schreibe ich hier darüber.

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