• shitstorm

Es ist nicht alles Gold, was glänzt, und nicht alles Scheiße, was stinkt! (Aber es bleibt Scheiße.)

Ich habe einen Fehler gemacht. Vielleicht auch zwei oder drei. Was ich getan habe?

Die Vorgeschichte

Aus Neugierde schloss ich mich vor wenigen Tagen einer Facebook-Gruppe zum Thema „Abnehmen“ an.

Nachdem ich für geraume Zeit die Beiträge mitgelesen hatte, wurde mir klar, dass ich auf eine interessante Materie gestoßen war. Die Gruppe war mit ca. 30.000 Teilnehmern sehr groß.

Das Ziel lautete: Gemeinsam bis Ostern abnehmen. Bei genauerer Betrachtung der Teilnehmer handelte es sich um eine Mischung aus Menschen die abnehmen möchten sowie Trainern und Coaches.

Ein Goldfischglas gespickt mit Haien. Gemeinsam schwammen sie im Einheitsbrei der Ernährungs- und Trainingsempfehlungen. Für meinen Geschmack waren die Interaktionen zu egozentrisch.

Die Abnehmenden posteten ihre Erfolge oder ihre Frustration begleitet von mehr oder weniger appetitlichen Bildern aller erdenklichen Mahlzeiten.

Die Trainer und Coaches gaben pauschale Tipps und predigten ihre Überzeugungen.

Würde mir eine so geartete Gruppe helfen, mein Ziel zu erreichen?

Mir wäre es als Ratsuchende nicht möglich gewesen, aus diesem bunten Potpourri von Klugscheißerein und religiös anmutenden Überzeugungen eine Handlungsempfehlung abzuleiten.

Zumal eine solche Schwemme an zusammenhanglos präsentierter Information zum Thema Ernährung die Problematik eher schürt, als dass sie für Aufklärung sorgt.

Außerdem stelle ich den Nutzen der Informationen, dass Frau X in der vergangenen Woche 800 g abgenommen hat, Frau Y im Intervall von 16/8 fastet und Frau Z sich im Vorher-/Nachher-Style unvorteilhaft im Bikini ablichten lässt, nicht infrage, sondern unterstelle hier konkret den Wunsch nach Aufmerksamkeit.

Vielleicht motiviert es ja zu wissen, dass man nicht alleine mit den Untiefen der Gewichtswelten hadert? Aber ganz ehrlich: Würde es Dich beruhigen zu wissen, nicht allein auf dem Boot zu sein, welches gerade sinkt?

Schlussendlich sitzt man am Ende des Tages immer noch mit seinen eigenen Problemen in der eigenen Haut.

Zeitverschwendung!

Besonders beeindruckt haben mich die Reaktionen auf diesen Post:

„Ich halte seit zwei Wochen Diät und habe noch nicht abgenommen. Ich glaube, ich schmeiße hin!”

Daraufhin ergoss sich ein Thread in die Gruppe, den ich inhaltlich auf „Gib nicht auf!” reduzieren möchte. Die Originalversion erstreckte sich über 100 Kommentare.

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Mittendrin, statt nur dabei

Mir kam der glorreiche Gedanke, mich der Gruppe zu offenbaren.

Mein Post: „Ich lese hier so viele Tipps und Tricks. Doch so richtig bringt mich das nicht weiter. Es bleibt meine ganz persönliche Auseinandersetzung mit meinem Körpergewicht.“

„Was denkst Du, was Du wirklich … wirklich brauchst, damit Du Dein Gewicht kontrollieren kannst?“

Mit meiner Antwort auf meine eigene Frage, „Häufig denke ich,  wenn jemand gesund und ausgewogen für mich kochen würde, wäre bald alles gut?!“, wollte ich mit gutem Beispiel vorangehen. Rückwirkend betrachtet: ein Sprung von der Klippe.

shitstorm

Es ist anzumerken, dass in unserer Zeit auch Normalgewichtige darauf achten müssen, was sie essen. Das Überangebot von Nahrungsmitteln, 24 Stunden am Tag, fordert uns alle heraus.  

Mein erster Fehler

Ich hätte zu meinem Gedanken hinzufügen müssen, dass ein persönlicher Koch ein Wunschgedanke ist. Dieser Wunsch sollte zum Ausdruck bringen, dass Planung, Beschaffung und Zubereitung ausgewogener Mahlzeiten einen nicht unerheblichen Aufwand darstellen.

Die erste Antwort auf meinen Post war gleich eine Frage: „Warum kochst Du nicht selbst?“

Mein zweiter Fehler

„Ich bin viel unterwegs“, war meine Antwort, und ich dachte, damit ein Problem zu beschreiben, was viele Menschen tatsächlich haben. Zu meinen Hochzeiten im Berufsleben habe ich mir an manchen Tagen eine Küche in der S-Bahn gewünscht.

Daraufhin kam von meiner Chatpartnerin die Ansage, dass sie selbst auch viel zu tun hätte und es trotzdem hinbekäme zu kochen.

Mein dritter Fehler

Ja, klar, dachte ich aufgebracht: Wenn du oder irgendjemand das kann, dann kann ich das selbstverständlich auch. Deshalb sind wir von unseren Fähig- und Fertigkeiten her auch alle uniform. Und unsere Leben sowieso.

Solche Aussagen ärgern mich! Ich habe mich aufgeregt und bin kopfüber ins nächste Fettnäpfchen gesprungen.

Ich habe der Dame unterstellt, sie behaupte, ich sei dann wohl übergewichtig, weil ich zu faul sei – denn das war meine Interpretation ihres Kommentars.

Das war provokativ. Aber ist das nicht das Vorurteil Nr. 1 bei Übergewicht? Dieses gleich in den ersten 20 Wörtern vor den Bug geknallt zu bekommen, und das von jemandem, der es eigentlich besser wissen müsste, hat mich fies erwischt.

Die Meute nimmt die Fährte auf

Wie im Kanonen-Beschuss bekam ich dann zu hören, ich sei selbst dafür verantwortlich, dass ich übergewichtig sei, niemand würde gezwungen, Fast Food und Co. zu essen, und man müsse verdammt noch mal Verantwortung für sich übernehmen.

Also, wenn das Leben so einfach wäre, hätte niemand von uns auch nur ein Problem!

Natürlich muss man Verantwortung für sich übernehmen. Wir sind alle souverän agierende Subjekte. Doch wir sind beeinflusst von unserer Herkunft, durch unsere Erziehung, durch unser familiäres Umfeld, durch unsere sozialen Kontakte, und wir unterliegen gesellschaftlichen Konventionen. Nur um ein paar Punkte zu nennen, die eine Rolle bei der Erlangung von Übergewicht spielen.

Da saß ich morgens, 8 Uhr, vor meinem Smartphone und bekam die ganze Packung, die der Echoraum an Vorurteilen und Vorwürfen zum Thema hergibt, vor den Kopf geknallt.

Die Post geht ab

Richtig interessant wurde es erst, als dann jemand mein Profil unter die Lupe nahm. Natürlich verweise ich auf Fuchsmunter.

Dort steht: „Ich begleite Dich in Dein gesundes und bewegtes Leben.“

Die folgende Schimpfkanonade war überwältigend: „Wie kannst Du jemanden beraten, wenn Du es selbst nicht hinbekommst?”, gehörte noch zu den netteren Dingen.

Als ich dann noch auf Instagram gesichtet wurde, war der Ofen ganz aus: Ich war offensichtlich nicht übergewichtig, dafür dann aber vogelfrei. Die darauffolgenden Beschimpfungen nennt man wohl Shitstorm.

Je wütender die Menge wurde, umso mehr böse Kommentare fanden sich ein. Das roch arg nach Frustabbau. Etwas, was ich schon häufiger auf Facebook angewidert beobachtet habe.

Eine Diskussion war unmöglich. Während ich eine Antwort formulierte, prallten die nächsten Kommentare auf meinem Screen auf. No chance. Mir wurde richtig mulmig.

Ich dachte: „Gleich geht mein Facebook-Account in Flammen auf.“ Dann habe ich den Post gelöscht und bin aus dieser und aus allen anderen Gruppen zum selben Thema ausgetreten.

Was lernt man daraus?

In diesem Fall habe ich Selbsthilfegruppen zum Thema „Abnehmen“ auf Facebook den Sinn aberkannt. Sie zeigen niemandem konkrete Ansätze zur Lösung der Probleme auf.

Ich war hochgradig naiv zu erwarten, mit einem Billo-Post, eine Quintessenz aus einer solchen Gruppe ziehen zu können. Dafür ist das Thema zu komplex und die Bereitschaft zur Selbstreflexion zu niedrig.

Facebook bleibt aus vielen Gründen kritisch zu betrachten. Mehr und Mehr entpuppt es sich als ein Zeitfresser. Jede Minute, die ich auf Facebook verbringe, ist eine Minute meiner begrenzten Lebenszeit. Es ist somit ein Zeitinvestment, und im Gegenzug wünsche ich mir im Minimum gute Unterhaltung.

Doch eins war mir schon immer klar.

Man muss nicht bereits selbst schon einmal gestorben sein, um Sterbebegleitung zu leisten, und man muss auch nicht übergewichtig gewesen sein, um eine Ernährungsberatung durchführen zu können.

Fachwissen, Erdverbundenheit und Einfühlungsvermögen erscheinen mir jedoch äußerst hilfreich.

Wie sind Deine Erfahrungen mit Facebook-Gruppen dieser Art? Lass es mich wissen, denn vielleicht irre ich mich und habe nur nicht die richtige Gruppe gefunden?

Viele Grüße

Signatur

 

 

PS: Weil Du es Dir wert bist!

PSS: Ich koche übrigens selbst, und manchmal sind auch meine Bilder unvorteilhaft. Wie bei diesem Rezept hier: Chia-Schoko-Pudding mit Bums! ;-) 

 

By | 2018-02-13T11:18:50+00:00 13.02.2018|Tags: , |2 Comments

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Hier schreibt Sonja Fuchs alias Fuchsmunter über einfachen und gesunden Lifestyle.

2 Kommentare

  1. Anette Do 15. Februar 2018 @ 7:55 um 7:55 Uhr - Antworten

    Hallo Sonja,
    Mensch, da hat es dich ja erwischt! Ich bin auch mal aus Versehen in so einer Gruppe gelandet und hatte Messanger-Kontakt mit einem „Coach“. Schlimm, schlimm, schlimm und alle „Tipps“ vollkommen unbrauchbar. Sämtliche Vorher/Nachher Bilder waren von ca. 20-jährigen – ich kann mich noch gut erinnern, in dem Alter war abnehmen noch wesentlich einfacher als heute… summa, summarum, bei neuen FB-Anfragen checke ich das Profil – und wenn ich die Worte „Ernährung – Gewichtreduktion“ oder ähnliches lese wird abgelehnt. Wie du richtig schreibst, die wenige Freizeit die ich habe, muss ich nicht auch noch in dieser Art Gruppe verbringen… Viele Grüße

    • Fuchsmunter Do 15. Februar 2018 @ 16:19 um 16:19 Uhr - Antworten

      Liebe Anette, lieben Dank für das Lesen des Artikels.:-) Du sagst es: „Seine Freunde sucht man sich am besten selbst aus!“ Da bin ich total bei Dir, Social Media hat offensichtlich auch negative Aspekte. Die Geschichte wird mir in Erinnerung bleiben. Viele Grüße – Sonja

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